SoLaWi

Solidarische Landwirtschaft beruht auf dem Prinzip, dass eine Gruppe von KonsumentInnen die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs tragen und dafür die Ernte des Betriebs erhalten, sodass eine nachhaltige, regionale und verbindliche Produktionskette entsteht. KonsumentInnen erhalten hierbei Lieferungen eines/r LandwirtIn in der Region, abhängig davon, was und wie viel gerade geerntet werden konnte. Die Lieferungen können komplett aus Obst und Gemüse bestehen, aber auch Eier, Milch, Brot, Saft, Fleisch u.s.w. werden von manchen LandwirtInnen produziert. Die Lieferung wird an einem Ort wie einem Bioladen, einem Kiezbüro oder z.B. der Garage eines Mitglieds gelagert. Die StädterInnen können sich dann ihren Teil der Ernte abholen. Dafür zahlen sie einen monatlichen Beitrag und verbringen ein paar Tage im Jahr auf dem Hof. Die Summe der monatlichen Beiträge muss die Gesamtkosten des Hofes decken. Außerdem basiert die SoLaWi auf Selbstorganisation, das heißt alle StädterInnen sind mitverantwortlich, dass alles gut funktioniert.

Trailer zu Farmer John (engl.)

Natürlich können SoLaWis unterschiedlich aufgebaut sein und funktionieren. Unsere SoLaWi sieht so aus: Wir als StädterInnen erhalten gegen einen monatlichen Fixpreis saisonales Bio-Obst und -Gemüse von unserm Bauern Frank aus Barenthin. Wir verpflichten uns für ein Erntejahr von Mai bis April pro Ernteanteil einen Betrag von durchschnittlich 87 Euro an unseren Bauern zu bezahlen. Der Beitrag wird solidarisch aufgeteilt, so dass einige Mitglieder mehr oder weniger bezahlen. So kann gesundes, regionales und ökologisches Gemüse und Obst jedem, unabhängig vom Einkommen, ermöglicht werden. An zumindest einem Tag im Jahr soll jedes Mitglied den Hof besuchen. Außerdem übernimmt jeder Haushalt eine Aufgabe, z.B. das Konto zu kontrollieren, die jährlichen Vollversammlungen zu organisieren, auf denen wir alles Wichtige besprechen und Kontakt zu unserem Bauern halten, oder neuen Mitgliedern alles zu erklären.

Dafür liefert unser Bauer uns einmal pro Woche die Ernte seines Hofes, die wir zwischen uns aufteilen. Oft ist das eine ganze Menge, manchmal aufgrund des Wetters oder der Jahreszeit aber weniger. Beim jährlichen Besuch auf dem Hof gibt es immer viel Spannendes zu tun, so haben wir zum Beispiel geerntet, Bäume gemulcht oder ein Lager für Kartoffeln, Rüben und Rote Bete gebaut.

Lebensmittel werden in einer SoLaWi nicht über einen Markt verteilt, der ihnen einen Preis zuschreibt. Stattdessen erhalten die LandwirtInnen einen über ein Jahr gesicherten Betrag, der ihre Kosten deckt. Dadurch können sie Landwirtschaft betreiben, die weder die Arbeitenden noch die Natur ausbeuten muss. Außerdem können so regionale und kleinbäuerliche Strukturen unterstützt werden, die sonst unter großem ökonomischen Druck stehen. Die Risiken, wie Ernteausfälle, sind auf viele Schultern verteilt. Gleichzeitig erhalten die KonsumentInnen aber auch besonders viel Gemüse bei guten Ernten. Unabhängig von der Ernte können sich die LandwirtInnen somit auf das monatliche Einkommen und die Abnahme der Lebensmittel verlassen.

Durch die enge Verbindung zwischen LandwirtInnen und KonsumentInnen sind beide nicht mehr Marktzwängen unterworfen, sondern können gemeinschaftlich entscheiden, welche Produkte wie angebaut werden sollen und welche Investitionen in Material notwendig sind. So hat unsere SoLaWi zum Beispiel dieses Jahr entschieden, dass „unser“ Hof ein Bewässerungssystem braucht, welches nun von unseren Geldern finanziert wird. Ein weiteres Problem unseres momentanen wirtschaftlichen Systems ist, das viel Essen aussortiert und weggeschmissen wird. Nicht so in den SoLaWis! Egal wie klein, groß oder unförmig die Kartoffel ist, egal wie viele Arme die Petersilienwurzel hat und egal welche Farbe die Karotte hat, alles landet bei uns auf dem Teller, nichts geht wegen falschem Aussehen oder zu langen Fahrtwegen verloren.

Ein weiterer Kritikpunkt am konventionellen Landwirtschaftssystem ist die Entfremdung zwischen Mensch und Nahrungsmittel. Die Lebensmittelproduktion läuft marktorientiert und ohne Bezug zu den KonsumentInnen und ihren Bedürfnissen. Die KonsumentInnen haben kaum Vorstellungen von den Produktionsumständen, der Arbeit der LandwirtInnen und kennen die wirklichen Kosten der Landwirtschaft nicht. Auch die Bedürfnisse und Kapazitäten der ProduzentInnen finden dort keinen Raum. Sie müssen sich selbst und ihre Böden ausbeuten, um Nahrungsmittel möglichst billig und marktkonform zu produzieren. Durch den Austausch zwischen LandwirtInnen und Mitgliedern der SoLaWi bekommen beide eine bessere Vorstellung der Bedürfnisse und Erfahrungen des anderen. Gerade als StädterIn lernt man die Region nochmal ganz anders kennen; wie lange Kohl und Rote Bete lagerbar sind, wie groß die Kürbisse werden und wie früh im Jahr schon Feldsalat wächst!

Doch wie groß ist die Bewegung eigentlich? In Deutschland gibt es mindestens 50 SoLaWis, doch es bestehen auch Gemeinschaften in den USA, Kanada, Japan, Frankreich und vielen anderen Ländern. Laut dem Netzwerk Solidarische Landwirtschaft befinden sich mindestens 50 weitere SoLaWis in Gründung. Andere Namen für das gleiche Prinzip sind Food Coop oder Kooperativen, Gemeinschaftshof oder CSA (Community Supported Agriculture). Immer mehr Menschen haben Interesse daran, mehr von der Herstellung ihrer Nahrungsmittel mitzubekommen und gesündere, regionale und nachhaltige Lebensmittel zu erhalten.

Zunächst ist es natürlich eine Umstellung, Nahrungsmittel über eine SoLaWi zu beziehen. Man könnte meinen, Gemüse nur einmal wöchentlich abzuholen und keine Auswahl zu haben, fühle sich unfrei an. Doch die Fülle an Formen, Farben und Geschmäckern meiner wöchentlichen Gemüseportion macht das allemal wett. Durch den intensive Geschmack von eigentlich relativ unspektakulärem Gemüse wie Kartoffeln oder Tomaten, dem Rest Brandenburger Erde, der noch an den Pastinaken klebt, und dem Wissen, wo und von wem mein Grünkohl geerntet wurde, fühlt man eine ganz besondere Verbindung zu seinem täglichen Essen. Aber natürlich, wie immer bei neuen Lebensformen, macht man sich zunächst viele Gedanken um die Praktikabilität und den Nutzen einer Umstellung. Doch es lohnt sich, denn man erhält nicht nur besonders nachhaltige Lebensmittel, zu denen man sich besonders verbunden fühlt, sondern ist Teil einer Bewegung, die eine neue Form der Landwirtschaft fordert und auch gleich durchführt.